Sektoren- und Stimmungsrotation

Sektoren- und Stimmungsrotation

Von Karl-Heinz Möller · 2016

Im kommenden Jahr wird alles anders. Die Rede ist von Szenarien wie: Ende der Geldschwemme, Neubewertung von Anleihen, Aktienkurse mit Vorwärtsschub, Zinsen auf dem Weg nach oben, Weltwirtschaft im Protektionsmodus. Wohl dem, der sein Pulver trocken hielt. Oder die Zukunft in der Glaskugel richtig las. Dabei wird sich zeigen, ob die alte Börsenweisheit stimmt: Politische Börsen haben kurze Beine.

Der „Trump-Jump“ der US-Aktien war ein Zeichen, dass etwas Besonderes in der Luft liegt. Auch der flotte Anstieg des Dollarkurses gegenüber dem Euro kann als ein solches Signal interpretiert werden. Was wird aus den deutschen Wertpapieren wie Aktien und Anleihen? Wird die Europäische Wirtschaftsunion ökonomisch abgehängt, nachdem schon Großbritannien den Alleingang plant? Im Umfeld der Unsicherheit schwebt über europäischen Werten zusätzlich das Damoklesschwert eines Super-Wahl-Jahres. 2017 finden mindestens drei und mit Italien – Ministerpräsident Renzi scheitert mit dem Verfassungsreferendum und tritt zurück – vier Nationalwahlen in Euroland statt.

US-Ökonomie gibt den Takt vor

An den aktuellen und überraschenden Ereignissen in Washington kommt niemand vorbei. Kaum hatte Trump die US-Präsidentschaftswahl gewonnen, setzte eine Sektorenrotation an den Aktienmärkten ein. Pharmatitel, ohne den Clinton-Obama-Malus, erstrahlten in neuem Glanz. Infrastrukturwerte, die vom geplanten Infrastrukturprogramm profitieren sollen, erwachten aus dem Winterschlaf. Vorfrühling auch für die aus dem Kurskeller aufgestiegenen Bankenwerte. Sie hoffen auf Deregulierung.

Konjunkturprogramme auf Kredit für neue Dynamik

Fundamentale Wirkung werden die vom neuen Präsidenten während der Wahl versprochenen Impulse zur Dynamisierung der Wirtschaft haben. Gigantische Investitionsprogramme und Arbeitsmarktreformen gepaart mit massiven Steuersenkungen sollen die dümpelnde Konjunktur ankurbeln. Nach einigen bereits zurückgenommenen Ankündigungen kann Trump diese Kernpunkte nicht ad acta legen, will er seine Wähler nicht frühzeitig enttäuschen.

An der atemberaubenden US-Staatsverschuldung, die laut Schuldenuhr mehr als 199 Billionen Dollar anzeigt und pro Sekunde um 32.404 US-Dollar wächst, wird sich nichts ändern. Zudem die Trump-Administration binnenwirtschaftlich nicht kleckern wird. Auf die Gefahren, wenn die Verschuldung vor dem Hintergrund weiterer Konjunkturprogramme bis 2021 erneut um fünf Billionen US-Dollar ansteigt (Daten des IWF), darf hingewiesen werden. Spannend wird die Frage sein, wie die unabhängige US-Notenbank Fed agiert. Die Ökonomen um Notenbankchefin Chefin Janet Yellen gelten als eher stabilitätsorientiert denn konjunkturorientiert. Im Januar findet die nächste Sitzung statt.

Druck auf die Zinsen wächst in den kommenden Monaten

Die größten Schmerzen für Anleger dürfte der Rentenmarkt auslösen. Kai Drabe, Inhaber und Stratege eines Family Office, erwartet eine Zinsumkehr: „Eine steilere Renditekurve wird für stärkere Unsicherheit bis zu Verwerfungen an den Kapitalmärkten
sorgen. Mit der Wahl von Trump hat die Zinswende einen wichtigen Ausgangspunkt markiert. Ich erwarte, dass der mehr als 30 Jahre andauernde Zinssenkungszyklus ein Ende gefunden hat. Die Fed wird die Zinsen sicherlich erhöhen und die EZB wird weiter alles daran setzen, die Zinsen unten zu halten.“ Zu Lasten des Euro.

Was ist Privatanlegern momentan zu raten? Michael Taler, Vorstand der Top Vermögens AG und Stiftungsexperte, sagt: „Ausgewählte Einzelwerte, beispielsweise aus den Segmenten Hausbau, Holz, Industrie, Konsumgüter, neue Technologien bieten derzeit gute Opportunitäten. Als Beimischungen empfehlen wir gute ETFs (beispielsweise aus dem Mittleren Segment) oder spezialisierte Invest­mentfonds.“

Analysten der Privatbank Ellwanger & Geiger sehen laut Marktmeinung Ende November ebenfalls eine Tendenz zum Anstieg der Zinsen. Ausgehend vom geplanten Infrastrukturprogramm basiert ihre Einschätzung darauf, dass die zum Konjunkturprogramm benötigten Arbeitsplätze in einer nahezu vollbeschäftigten US-Wirtschaft zu steigenden Löhnen führen würden. Fraglich sei zwar, was alles von den Wahlkampfankündigungen bleiben wird, und ob die US-Bürger bereit sein werden, die nach diesen Maßnahmen höheren Güterpreise zu bezahlen. „Im vorauseilenden Gehorsam wurden zumindest aufgrund steigender Inflationsängste auf breiter Basis Anleihen veräußert. Und dies nicht nur in den USA, sondern weltweit.“ Immerhin sei daraufhin beispielsweise die zehnjährige Bundesanleihe leicht gestiegen. Zwar immer noch auf sehr niedrigem Niveau, aber doch notiert als markante Bewegung.

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank, konstatiert im Kapitalmarktmonitor der Investmentbank aus Unterschleißheim bei München: „Der große anlagetechnische Strukturbruch bleibt erzwungenermaßen aus. Die Konkurrenz von Anleihen im Vergleich zu Aktien und nicht zuletzt ihren Dividendenrenditen hält sich in Grenzen. Und ein bisschen Rotation von Renten in Aktien kann da nicht schaden, im Gegenteil.“

Investments in junge Unternehmen machen volkswirtschaftlich Sinn

Wer sich nicht auf eine Kategorie einigen möchte und breiter gestreut anlegen will, setzt auf Multi Asset Strategien und aktives Portfolio-Management. Eine strategisch ausgerichtete Mischung kann alles enthalten: Rohstoffe, Sachwerte wie Immobilien und Kunst, Zertifikate, Private Equity und natürlich Aktien und Anleihen. Das Prinzip Sicherheit wird in diesen Tagen bei vielen institutionelle wie privaten Investoren ganz oben auf der Agenda stehen bleiben.

Insgesamt stehen Wirtschaft und Finanzen offensichtlich vor einer besonders herausfordernden Situation. Blinder Aktionismus wäre dabei genauso verkehrt wie tatenlos in Ruhe zuzuschauen. Sich in eine günstige Stellung zu bringen wäre günstig, um für die verschiedenen möglichen Szenarien eine Handlungsalternative parat zu haben. Derweil können sich Anleger, die über ein breites und buntes Portfolio verfügen, beispielsweise eine Kunstsammlung ihr Eigen nennen oder in der Garage einige wertvolle Oldtimern pflegen, diesen Teil ihres Vermögens genießen. Gelassenheit ist auch eine Strategie, langfristig Vermögen aufzubauen.

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Diese Antwort soll Nils Bohr, dänischer Physiker und Nobelpreisträger, auf die Frage nach der Zukunft der Quantenphysik gegeben haben. Eine Vorhersage für die Bewegungen auf den Finanzmärkten in 2017 dürfte die Qualität der Zukunftsprognosen für die Quantenphysik haben.