Investitionen

Quo vadis, Zins?

Von Karl-Heinz Möller · 2016

Das Thema Geldanlage steckt voller Wiedersprüche. Zum einen klagen die Anleger über die Null-Verzinsung ihrer Einlagen. Andrerseits schichten sie ihr Erspartes nicht um, damit vielleicht ein kleines Vermögen entsteht. Wo bleiben da Zins und Zinseszins? Dabei gibt es kluge Möglichkeiten: Aktien, Unternehmensanleihen, Investmentfonds, Derivate, Alternative Investments. Sowie Kombinationen, die in der Mischung performen. Sicherheiten? Die einzige wirkliche Sicherheit besteht darin, dass ohne aktive Geldanlage das Konto im Minus bleibt.

Je höher Menschen ihr Wissen einschätzen, umso regelmäßiger und mit mehr Freude legen sie ihr Geld an. Das sind die wesentlichen Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Hamburger Marktforschungsinstituts Elbe 19 im Auftrag von Union Investment.
Umfragen belegen: Etwa 90 Prozent der Bundesbürger legen Geld zurück, jeder Zweite monatlich eine kleine Summe. Die Sparquote beträgt nach wie vor durchschnittlich 10,6 Prozent. „Sparen ist alles andere als ein Auslaufmodell. Die Deutschen sparen regelmäßig auf gleichbleibendem Niveau“, sagt Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken. Wesentliche Motive sind: Das Bedürfnis nach mehr Sicherheit und ein größeres Maß finanzieller Freiheit. „Das Thema Sparen ist positiv besetzt. Es geht um das Gefühl, sich Handlungsfähigkeit für die Zukunft zu erhalten“, sagt Reinke. Dass viel gespart, aber nicht aktiv angelegt wird, führt zum Problem Nummer eins: Mangelnde Transparenz und ein unterstelltes eingeschränktes Angebot.

Anlageabstinenzler unterschätzen ihren finanziellen Spielraum

Und was ist mit denen, die nichts zurücklegen wollen oder können? Nur ein kleiner Anteil von 10,4 Prozent verzichtet ganz aufs Sparen und Geldanlegen. 51 Prozent von ihnen fehlt nach eigenen Angaben der finanzielle Spielraum. Dabei fällt auf, dass offensichtlich viele ihre Möglichkeiten unterschätzen. Beim Sparen generell ist die Finanzbildung ein entscheidender Faktor. Fakt Nummer zwei ist offensichtlich ein hohes Kommunikationsdefizit. Die deutschen Anleger haben wegen des Zinstiefs einem Bericht zufolge in den vergangenen fünf Jahren rund 125 Milliarden Euro an Zinseinnahmen verloren. Auf Sparbüchern und anderen Konten büßten Sparer seit 2011 insgesamt 88 Milliarden Euro Zinseinnahmen ein. Niedrige Zinsen führen aber bisher nicht dazu, dass vorgezogener Konsum etwa über Konsumentenkredite in großem Maßstab das Sparen ersetzt. Nur 31 Prozent der Befragten gaben eine Affinität zum vorgezogenen Konsum an.
Fakt Nummer drei ist das fehlendes Vertrauen in den Finanzsektor. Beratung steht nur bei modernen Akteuren hoch im Kurs: 72 Prozent haben schon einmal eine Beratung zum Thema Sparen in Anspruch genommen. Bei den Traditionellen und Nichtsparern fällt der Wert mit 60,7 beziehungsweise 40,6 Prozent deutlich niedriger aus. Ein Großteil der Befragten will sich nicht häufiger als unbedingt notwendig mit dem Thema auseinandersetzen. Zwei Drittel möchten die Angelegenheiten regeln und danach über einen längeren Zeitraum mit der Geldanlage nichts mehr zu tun haben. Beratung macht den Weg frei für eine moderne Geldanlage, bei der wir mit zeitgemäßen Produkten die Brücke zum Sparer und seine individuellen Bedürfnisse schlagen können.

Alte Gewohnheiten werden ungern aufgegeben

Fazit: Wer kein Geld abzweigt oder nicht innovativ anlegt, riskiert realen Kapitalverlust. Und wer traditionell spart, verliert: Ob Festgeld, Tagesgeld oder Sparkonto, die Deutschen geben ihre Gewohnheiten nur widerstrebend auf. Dabei sind die Möglichkeiten der Anleger, sich zu informieren, selbst die Initiative zu ergreifen, nie größer gewesen als aktuell. FIS, ein führender Anbieter von Finanztechnologie, veröffentlicht den jährlichen Consumer Banking PACE Index, der die Leistungen von Banken mit den Erwartungen der Kunden in Nord- und Südamerika sowie Europa und Asien vergleicht. Zum strukturellen Defizit verzichten im Mobile Banking Bereich deutsche Kunden weitgehend auf App-Angebote zum Personal Financial Management (PFM). So verwenden 86 Prozent der Smartphone Nutzer in Deutschland keine solche App.

Den Markt verstehen und Nichtstun als Fehler erkennen

Nach wie vor ist mangelndes Kundenvertrauen ein nur schwer reparables Defizit der Anlagebranche. Der Report zeigt, dass Banken die Erwartungen in puncto Fairness, Zuverlässigkeit und Transparenz nicht ausreichend erfüllen. Ob mit Geldinstituten oder ohne: Zinsgewinne sind möglich. Anleger, die sich für den Kauf einer Wohnung entscheiden, können in der Regel davon ausgehen, dass auf mittlere Sicht der finanzielle Kraftakt lohnt. Die Profession muss lauten: Den Markt beobachten, Budget festlegen, im Rahmen der Möglichkeiten entscheiden. Von der steigenden Nachfrage zu profitieren, kann auch vertrauenswürdigen Experten überlassen werden. Wichtig: Der Track record, also die Leistungen und Erfolge der Vergangenheit, muss eine saubere Bilanz wiedergeben.

Geldanlage darf Spaß machen

Die Nullzinspolitik der Notenbanken macht das Geschäft mit der Geldanlage ohne Frage kompliziert. Wobei das Geldsäckchen unter dem Kopfkissen noch nie oder selten einen Sinn gemacht hat. Eine andere beziehungsweise neue Allokation der Ressourcen ist notwendig, die, je nach Größe des Depots oder Höhe der Summe, ein neues Gesicht zeigt, als zu Zeiten von nennenswerten Zinssätzen. In den meisten Fällen läuft die Gestaltung eines Portfolios auf eine Mischung verschiedenen Fonds oder Beteiligungen hinaus. Denkbar sind Alternative Investments, Misch­fonds mit Aktien, Staats- und Unternehmensanleihen und Derivate.
Institutionelle bedienen sich der Vermögensverwalter, der auf wohlhabende Kunden spezialisierten Privatbanken oder den Private Banking Abteilungen der großen Geschäftsbanken. Vermögende gründen eigene Family Offices oder steigen direkt in Spezialfonds aller Art ein. Für Anleger mit entsprechende Muße und speziellen Interessen stehen weitere Türen offen. Entweder in Zusammenarbeit mit dem Know-how von Spezialisten oder dank eigener Expertise sind Investitionen in Kunst und Antiquitäten dann mehr als ein Investment. Sollte die Verzinsung dabei einmal nicht stimmen, bleibt die Freude am Objekt als Spaßrendite. Ansonsten steckt hinter der Frage „Wohin mit dem Geld“ eine ernste Angelegenheit. Bei Null-Prozent Verzinsung hört der Spaß auf.

Rendite für zehnjährige Staatsanleihen ausgewählter Länder im Mai 2016, Quelle: Bloomberg, 2016